Talente erkennen statt Hürden sehen: Gudrun Heyder berichtet über ihre Mentoring-Erfahrungen mit Iuliia Tymofieieva im MENTEGRA-Programm

In diesem Good-Practice teilt Gudrun Heyder, Mentorin im MENTEGRA-Programm, ihren Erfahrungsbericht aus der Zusammenarbeit mit ihrer Mentee Iuliia Tymofieieva und zeigt, wie Mentoring neue Perspektiven auf dem deutschen Arbeitsmarkt eröffnet.

Mentorin zu sein, ist für mich als erfahrene Solo-Selbständige mit eigenem Redaktionsbüro eine Premiere. Im MENTEGRA-Mentoring-Programm bilden Iuliia Tymofieieva und ich seit August 2025 ein Tandem, wie neun weitere Mentorinnen und drei Mentoren. Sie treffen sich regelmäßig mit ihren Mentees aus der Ukraine, Kolumbien, Syrien, Russland und Tunesien, um sie bei der beruflichen Integration zu unterstützen. Es gilt, diesen Frauen mit Flucht- oder Migrationsgeschichte Wissen über den deutschen Arbeitsmarkt zu vermitteln – und ihre Chancen zu erhöhen, hier einen Job zu finden, der ihren Qualifikationen und Wünschen entspricht. Eine anspruchsvolle Aufgabe, denn die hiesige Arbeitswelt und Bürokratie stellt sich den Mentees erstmal als eine Art Dschungel dar.

So funktioniert es: Competentia MEO fragt für das MENTEGRA-Mentoring-Programm jedes Jahr ihr bekannte Unternehmer:innen an, die vom beruflichen Profil her zu den Frauen passen, welche sich für das Mentoring-Programm im Kompetenzzentrum für Frau und Beruf angemeldet haben. Einige der Frauen im Jahrgang 2025/26 sind wegen des Kriegs in der Ukraine geflüchtet. Eine andere Mentee ist durch ein Stipendienprogramm in die MEO-Region gekommen. Was die Frauen eint, sind sehr gute berufliche Kompetenzen, und der feste Wille, hier auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.

Ein Beispiel: Mentee Iuliia Tymofieieva war im Osten der Ukraine, in Kramatorsk, lange in einem großen Industriebetrieb als Maschinenbau-Ingenieurin tätig. In den letzten Jahren hat die 44-Jährige dort im Bereich Kommunikation und Organisation gearbeitet. Zu Beginn des Krieges ist sie mit ihrer Tochter und ihrem Sohn nach Essen geflüchtet, wo die Familie eine Bekannte hat. Ihr Mann, der als Ingenieur Windräder baut, blieb in der Ukraine und will alsbald auch nach Essen umziehen. Denn die Tymofieievas wollen für immer in Deutschland leben.

Verlauf des Mentorings: Iuliia wusste zu Beginn nicht, ob sie hier besser direkt als Ingenieurin, im PR-Bereich oder zunächst als technische Sachbearbeiterin in einen neuen Job einsteigen kann. Zu unseren gemeinsam To Dos zählt unter anderem, ihren Berufswunsch zu klären, Kontakte zu Unternehmen zu knüpfen, ihren Lebenslauf zu überarbeiten, Bewerbungen für Praktika zu verfassen und uns über die Arbeitswelt in Deutschland und der Ukraine auszutauschen. Das Begleitheft des Mentoring-Programms und fachliche Workshops bei Competentia MEO helfen uns dabei. Projektleiterin Marie Herrmann ist immer ansprechbar, vermittelt interne Kontakte zu Fachkolleginnen und gibt Hilfestellungen.

Im Folgenden beantworte ich als Mentorin einige Fragen der Verantwortlichen, Marie Herrmann und Lina Spliethoff, zum MENTEGRA-Mentoring-Programm.

Competentia MEO: Wie hast Du durch dieses Programm die Zusammenarbeit zwischen Unternehmensvertretungen, also den Mentorinnen, und den Mentees erlebt?

Gudrun Heyder: Ich erlebe die Kooperationen als recht eng und verbindlich. Manche Tandems haben den Vorteil, dass die Mentee sehr konkrete Vorstellungen von ihrem zukünftigen Arbeitsfeld hat und der Mentor beziehungsweise die Mentorin exakt aus diesem Bereich kommt. Das erleichtert es natürlich, passende Job-Optionen für die Mentee zu finden und sie zu beraten. Schwieriger wird es manchmal, wenn Mentees neben der fachlichen Orientierung auch persönliche Unterstützung suchen – etwa eine vertraute Ansprechperson, Hilfe bei Fragen zum Aufenthaltsstatus oder zusätzliche Begleitung beim Spracherwerb. Das ist vollkommen verständlich, denn sie befinden sich in einer herausfordernden Lebenssituation. Gleichzeitig zeigt die Erfahrung, dass jedes Tandem hier seinen ganz eigenen Weg findet: Bei manchen entsteht im Laufe der Zeit ein eher freundschaftliches Verhältnis, andere halten die Zusammenarbeit klarer im beruflichen Rahmen.

Mentorinnen und Mentoren können selbstverständlich in einem gewissen Umfang unterstützen – gerade dann, wenn die Beziehung tragfähig ist. Zum Mentoring-Prozess gehört jedoch auch, die eigenen Grenzen auszutarieren, herauszufinden, welche Rolle man einnehmen möchte, und dies offen zu kommunizieren. Das schafft Orientierung für beide Seiten und stärkt die Zusammenarbeit. Die Mentees erlebe ich als hoch motiviert und sehr dankbar für die persönliche Begleitung.

Competentia MEO: Welche Veränderungen konntest du bei den Mentees im Verlauf des Mentorings bisher beobachten – insbesondere in Bezug auf Selbstvertrauen, berufliche Orientierung oder Netzwerke?

Gudrun Heyder: Das ist unterschiedlich. Eine Mentee hat im November bereits eine neue Stelle gefunden, andere bewerben sich noch auf Praktikumsstellen oder überlegen, eine aktuelle Aus- oder Fortbildung anzubrechen oder eine neue Ausbildung zu beginnen. Soweit ich das beurteilen kann, wachsen bei allen Teilnehmerinnen die Netzwerke und sie haben an Selbstsicherheit gewonnen. Sie vertrauen inzwischen mehr darauf, dass sie ihren beruflichen Weg in Deutschland fortsetzen können, einen guten Job finden und wieder ein Einkommen erzielen. Sie müssen allerdings viel Geduld und Frustrationstoleranz mitbringen – so wie Iuliia, die seit ihrer Flucht im Februar 2022 arbeitslos ist, obwohl sie super qualifiziert und engagiert ist.     

Competentia MEO: Inwiefern hilft das Mentoring den Unternehmen, ihre Recruiting-Prozesse diverser und fairer zu gestalten? Gibt es Beispiele, wo durch das Programm neue Perspektiven auf Talente entstanden sind?

Gudrun Heyder: Die einjährige enge Zusammenarbeit mit einer Mentee und die Teilnahme am MENTEGRA-Programm ermöglichen direkte Einblicke in die Situation geflüchteter Menschen. So können sich Personalverantwortliche besser in deren Lage versetzen und erlangen Wissen über die vielfältigen und hochwertigen Qualifikationen immigrierter Personen. Das schärft den Blick, erweitert den Horizont und motiviert dazu, eigene Recruiting-Prozesse diverser und fairer zu gestalten. Gerade eingewanderte Frauen werden leicht unterschätzt. Eine Sprachbarriere kann die gesamte Beurteilung im Auswahlprozess so stark verzerren, dass Chancen verwehrt bleiben. Auch die Lebenssituation wird oft vorschnell in eine Schublade gesteckt, wie: Die Frau bleibt eh nicht in Deutschland und bricht dem Unternehmen somit schnell wieder weg. Oder: Sie ist hier alleine mit dem Kind / den Kindern und wird das mit der Arbeit nicht vereinbaren können, und so weiter. Das echte Kennenlernen ist die beste Methode, um überhaupt zu erkennen, dass in vielen bestehenden Prozessen und Strukturen Teilhabe nicht ermöglicht wird.

Competentia Meo: Welche Rolle spielt das gegenseitige Kennenlernen über einen längeren Zeitraum hinweg für die Einschätzung von Kompetenzen und Potenzialen – jenseits formaler Bewerbungsunterlagen und -prozesse?

Gudrun Heyder: Erst dieses gründliche Kennenlernen führt dazu, auch Kompetenzen und Potenziale zu entdecken, die nicht unbedingt im Lebenslauf stehen, aber wichtig für Bewerbungen und die berufliche Zukunft sein können. Meine Mentee Iuliia etwa engagiert sich ehrenamtlich, organisiert mehrere Projekte und ist sehr kommunikationsstark. Man lernt, nicht mehr nur das Schicksal des geflüchteten Menschen wahrzunehmen, sondern zu sehen: Hier ist jemand, der wertvoll für den hiesigen Arbeitsmarkt und die Gesellschaft ist und auf alle Fälle Chancen verdient hat.  

Competentia Meo: Was wünscht Du Dir für die Zukunft: Wie könnte Mentoring wie MENTEGRA noch stärker in Personalstrategien integriert werden, um Chancengerechtigkeit nachhaltig zu fördern?

Gudrun Heyder: Jede Führungskraft im HR-Bereich sollte sich mit Mentoring befassen und Personal auch jenseits der klassischen Profile in den Blick nehmen. In der globalisierten Arbeitswelt sind Menschen, die aus anderen Ländern kommen, eine Bereicherung für eigene Teams. Viele Personaler:innen befürchten, dass der Aufwand, solche Menschen im Unternehmen zu integrieren, (zu) hoch ist. Das betrifft übrigens auch Personen mit einer Behinderung. Mentoring-Programme können da eine gute Unterstützung leisten.  

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Imelda Alfred

Team- & Projektassistentin